That’s the story of my life – Die Lou Reed-Story

Lou Reed ist tot! Und leider ist es kein Hoax. Todesmeldungen begleiten den Kult-Musiker schon seit Jahren. Doch diesmal ist es traurige Gewissheit. Ein Mann mit Visionen verlässt die Bühne. Er hatte Einfluss auf die Großen der Musikgeschichte und gehört selbst zu den Legenden des Rocks.

Der „Meister“, wie David Bowie und Alice Cooper ihn in ihren Nachrufen nennen, starb am 27.10.2013 im Alter von 71 Jahren an den Folgen einer Lebertransplantation, der er sich einige Monate zuvor unterzogen hatte.


Wir möchten Lou Reed ein Denkmal setzen und an sein gefeiertes und umstrittenes Leben und Werk erinnern.

Inhaltverzeichnis:

Wild child – Traumatische Erfahrungen in Kindheit und Jugend

Um die Musik Lou Reeds zu verstehen, sollte man zuerst einmal in seine Kindheit und Jugend schauen. Aufgewachsen in Long Island, New York, erlebt der 1942 geborene Lewis Allan Reed seine Kindheit in einer erzkonservativen Familie.

Gesellschaftlich befinden sich die USA Ende der 40er und in den 50er Jahren in der McCarthy-Ära, die geprägt ist von Angst und Misstrauen. Der offene Hass auf den Kommunismus, geschürt durch die rechtskonservative Regierung, äußert sich in der Verfolgung „Subversiver“. Nicht nur Kommunisten, sondern auch anderer Randgruppen. Homosexuelle werden z.B. systematisch ausgegrenzt. Die amerikanische Presse nennt sie „perverse Gefahr“ und „lavendelfarbener Schrecken“.

In dieser bedrückenden Atmosphäre aufzuwachsen, hat allein schon einen Effekt auf das weitere Leben Reeds. Er befreit sich schon früh aus dem familiären und gesellschaftlichen Korsett und gilt als Rebell, ist aufsässig und schwierig.

Als seine Eltern homoerotische Neigungen bei ihm beobachten, weisen sie ihn in eine Psychiatrie ein. Dort wird er mit Elektroschocks behandelt, um ihn von seiner „Krankheit“ zu „heilen“. Damals noch übliche Praxis.

Seine Erinnerungen an diese traumatische Zeit verarbeitet er in dem Song „Kill your sons“:

Im Text heißt es:

All your two-bit psychiatrists
are giving you electroshock
They said, they’d let you live at home with mom and dad
instead of mental hospitals.
But every time you tried to read a book
you couldn’t get to page 17
Cause you forgot where you were
so you couldn’t even read

Manche Biographen vermuten, dass Reeds berüchtigte lebenslange Übellaunigkeit aus diesen Erlebnissen resultiert.

Auch seine weitere Entwicklung spiegelt sich in „Kill your sons“ wider:

They’re gonna kill, kill your sons
until they run, run, run, run, run, run, run, run away.

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Make up my mind – Die künstlerische Entwicklung Lou Reeds

Reed entfernt sich von seinem Elternhaus und beginnt ein Englisch-Studium an der Syracuse University, die später auch die 80er Stilikone Grace Jones besucht. Dort lernt er Delmore Schwartz kennen, amerikanischer Dichter und bestens vertraut mit den intellektuellen Kreisen New Yorks.

Und: Lou Reeds Dozent im kreativen Schreiben! Schwartz wird einer der prägendsten Einflüsse für den jungen Studenten.

Reed lässt sich von Schwartz‘ lyrischen Gedichten inspirieren und widmet ihm später einige Song, unter anderem „European Son“, der auf dem Album „The Velvet Underground & Nico“ erscheint:

Lange nach Schwartz‘ Tod 1966 schreibt Lou Reed über seinen Mentor:

O Delmore how I miss you. You inspired me to write. You were the greatest man I ever met. You could capture the deepest emotions in the simplest language. Your titles were more than enough to raise the muse of fire on my neck. […]

Reed will mehr als schreiben. Er will künstlerische Musik mit intellektueller Literatur verbinden. Seine Songtexte werden zu lyrischen Abenteuerreisen in die dunklen Tiefen der menschlichen Seele, rauh und exzessiv.

Literatur wird ihn sein Leben lang faszinieren. 2003 veröffentlicht er z.B. das Album „The Raven“, auf dem er Gedichte von Edgar Allan Poe vertont.

Auch das Album „Lulu“ von 2011 hat einen literarischen Hintergrund. Es bezieht sich auf das gleichnamige Drama von Frank Wedekind.

Sein Studium hat aber nicht nur Einfluss auf die Texte Reeds. Auch sein musikalischer Horizont wird durch den Kontakt mit experimenteller Musik und Free Jazz erweitert. Der Weg ist geebnet für einen der verstörendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

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Temporary Thing – Die musikalische Sozialisation einer Legende

Seine ersten musikalischen Schritte macht die spätere Kultfigur der Avantgarde schon 1958 im zarten Alter von 16 Jahren. Ausgerechnet in einer gefälligen Doo-Wop-Band, bei den „The Jades“:

Von der textlichen Brillanz der späteren Werke hat „Leave her for me“, von Reed geschrieben und gesungen, noch nichts. Ein Ansatz des später typischen Sprechgesangs ist allerdings schon zu erkennen.

Ein Auszug der Lyrics:

[…] I don’t care for the oceans
I don’t care for the seas
I can do without blue skies
or flowering trees.
But I can’t do without my baby
so please leave her for me.

Nach den „Jades“ folgen weitere relativ erfolglose „The“-Bands:

  • The Beachnuts,
  • The Roughnecks,
  • The All-night Workers und
  • The Primitives.

Nach seinem Studium entschließt sich Lou nach New York zu ziehen. Anfangs arbeitet er als Songschreiber und Studiomusiker für das Plattenlabel „Pickwick Records“.

Mit seiner Band „The Primitives“, gelingt ihm ein erster kleiner Hit: „The Ostrich“, eine Satire auf einen zur damaligen Zeit angesagten Tanz.

In diesem nutzt Reed erstmals eine besondere Gitarrenstimmung, die als „Ostrich guitar“ bekannt wird.

Statt der üblichen Stimmung

  • E-A-D-G-H-E

werden alle 6 Saiten auf E (alternativ D) gestimmt.

Dadurch entsteht der sogenannte „Drone“-Effekt, ein gleichbleibender monotoner Klang. Dieser Sound ist allerdings nicht Reeds Erfindung. Schon klassische Komponisten setzen den Effekt ein. Einige Instrumente haben von Natur aus einen „Drone“, z.B. Dudelsäcke:

Reeds Einsatz der „Ostrich guitar“ geht wahrscheinlich auf den Einfluss von Bandmitglied John Cale zurück, der zuvor mit dem Experimentalmusiker La Monte Young zusammen arbeitete, der für die Verwendung von „Drones“ bekannt war. Die ungewöhnliche Stimmung hat einen nachhaltigen Einfluss auf die weitere Arbeit von Reed.

Das Zusammentreffen mit John Cale ist aber auch aus anderen Gründen ein Glücksfall. Nur wenig später gründen Reed und Cale, zusammen mit anderen Mitgliedern der „Primitives“, eine der wichtigsten Bands der Musikgeschichte:

The Velvet Underground!

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Beginning to see the light – The Velvet Underground-Story

Dass „The Velvet Underground“ ihrer Zeit weit voraus waren, wird erst Jahrzehnte später deutlich. In den Jahren des Bestehens der Band, von 1965-73, bleibt der kommerzielle Erfolg weitestgehend aus. Der Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik ist allerdings unbestritten.

Ein berühmt gewordenes Zitat, das Brian Eno von „Roxy Music“ zugeschrieben wird, kann aber getrost als Legende bezeichnet werden:

The Velvet Underground’s first album only sold a few thousand copies, but everyone who bought one formed a band.

Allerdings eine Legende mit wahrem Kern, denn „The Velvet Underground“ werden schnell zur Inspiration für Ikonen wie

  • David Bowie,
  • Jimi Hendrix oder
  • Iggy Pop

Und auch viele spätere Bands wären ohne die „Velvets“ undenkbar, z.B.

  • die Sex Pistols,
  • Siouxsie and the Banshees,
  • Bauhaus,
  • Nirvana,
  • Sonic Youth oder
  • The Strokes.

Vor allem die Punk-Bewegung der späten 70er Jahre wird erheblich von den „Velvets“ beeinflusst. „Joy Division“ covern 1980 den Song „Sister Ray“ vom Album „Louded“:

Im Gründungsjahr 1965 sind „The Velvet Underground“ allerdings eine Ausnahmeerscheinung. Es ist die Zeit der „Beatles“, von Flower Power und Woodstock. Die Hippie-Bewegung bildet sich aus der Beat-Generation der 50er Jahre und prägt die Rockmusik der 60er.

Die Songs der Hippies erzählen von Frieden und Liebe. Protest ist zwar erkennbar, z.B. in den Texten von Joan Baez und Bob Dylan, die Ablehnung der gesellschaftlichen Konventionen ist Lou Reed und John Cale aber zu leise. Zudem ist San Francisco an der Westküste der USA das Zentrum der Hippie-Bewegung. Reed und Cale leben aber in New York und verkehren in der Intellektuellen-Szene der Metropole.

Sie gründen eine Band, die ihre Vorstellungen verwirklichen soll:

  • Sie soll provozieren und schockieren,
  • die Musik soll intellektuell geprägt sein und
  • „Krach“ soll zur Kultur erhoben werden.

Provozierend ist allein schon der Name: „The Velvet Underground“, benannt nach einem Buch von Michael Leigh, das die abwegigen Sexualpraktiken der amerikanischen Gesellschaft aufdeckt. Angeblich entdeckt Reed dieses Werk im Müll einer Wohnung, die er zu dieser Zeit bezieht.

Ein idealer Name für eine Band, die in ihren Texten Themen wie

  • Sadomasochismus,
  • Transsexualität,
  • Selbstzerstörung,
  • Gewalt und
  • exzessiven Drogenmissbrauch

besingt.

Inspiriert werden die Texte von „skandalösen“ Literaten wie

  • Leopold von Sacher-Masoch,
  • William S. Burroughs und
  • Hubert Selby.

Der Song „Venus in Furs“, der intensiv von sadomasochistischen Praktiken erzählt, bezieht sich z.B. auf den gleichnamigen Roman von von Sacher-Masoch, Namensgeber des Masochismus:

Ein Textauszug:

Shiny, shiny, shiny boots of leather
Whiplash girlchild in the dark
Comes in bells, your servant, don’t forsake him
Strike, dear mistress, and cure his heart

Und nicht nur in ihren Songs spielt das exzessive Leben eine Rolle. Besonders Lou Reed, der als Kopf der Band als Gründervater des „Underground“ verehrt wird, lebt den Rock’n’Roll-Lifestyle in vollen Zügen. Er ist berüchtigt für seinen selbstzerstörerischen Drogenkonsum und sein ausschweifendes Sexleben.

Er selbst sagt über Drogen und Alkohol:

I tried to give up drugs by drinking.

Für viele Anhänger und Kritiker gleicht es einem Wunder, dass er diese Zeiten überlebt. Doch nicht nur Drogen und Alkohol machen ihn zu seinem schwierigen Menschen. Er selbst sagt noch 1998 über sich:

I’m an artist and that means I can be as egotistical as I want to be.

Und genau diese Lebenseinstellung bekommen Kollegen und vor allem Journalisten immer wieder zu spüren.

Sein düsteres Image prägt auch das Bild der Band und das Lebensgefühl seiner Fans. Der Musikjournalist Lester Bangs sagt über ihn:

Lou Reed is a completely depraved pervert and pathetic death dwarf – a wasted talent living off the dumbell nihilism of a 70s generation that doesn’t have the energy to commit suicide.

Ein „Kompliment“ der ganz besonderen Art!

Drogen spielen auch in den Songs der Band eine große Rolle. Auf dem ersten Album „The Velvet Underground & Nico“ finden sich gleich 2 Songs, die den Drogenkonsum „feiern“:

  • Heroin und
  • I’m waiting for the man

Allerdings betonen die Bandmitglieder immer wieder, dass die Texte den Gebrauch von Drogen nicht glorifizieren sollen.

Doch wer sind eigentlich die anderen Bandmitglieder? Ab 1966 steht die feste Besetzung:

  • Lou Reed: Gesang, Gitarre
  • John Cale: Gesang, Bass, Keyboards, Viola
  • Sterling Morrison: Gitarre
  • Maureen „Moe“ Tucker: Schlagzeug

Allein mit Maureen Tucker betreten „The Velvet Underground“ Neuland. Sie gehört zu den ersten Schlagzeugerinnen der Musikgeschichte. Und: Sie spielt im Stehen mit minimalem Drumkit!

Als kleine Randnotiz ist zu erwähnen, dass dieselbe Maureen Tucker, die den Sound einer ganzen drogendurchwirkten Generation mitprägte, heute stramme Anhängerin der rechts-konservativen Tea Party-Bewegung in den USA ist. Wie diese Gegensätze miteinander vereinbar sind, kann wohl nur sie selbst beantworten. Vielleicht verwechselt sie die radikale Untergruppe der Republikaner aber auch nur mit dem Club „Boston Tea Party“, in dem „The Velvet Underground“ 1967 spielten ;)

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Songs for Drella – Andy Warhol und The Velvet Underground

Der neue Sound und die verstörenden Auftritte der „Velvets“, z.B. spielt die Band eine Zeit lang konsequent mit dem Rücken zum Publikum, erregen schnell Aufmerksamkeit in der New Yorker Szene. Nachdem der Pop-Art Künstler Andy Warhol einen der Auftritte erlebt, wird er Protegé der Band, für ihn ein neues Produkt, das er vermarkten kann.

Für „The Velvet Underground“ der Aufstieg zur intellektuellen Kultband. Sie werden zur „Hausband“ in der „Factory“ Warhols, seinem Atelier. Ihre Musik nutzt der Künstler für seine Performances, z.B. die „Exploding Plastic Inevitable“.

Warhol ist es auch, der das erste Album der „Velvets“ produziert. Allerdings besteht er darauf, dass das damals angesagte deutsche Model Nico Sängerin der Band wird. Ein Trick, um die Plattenfirmen zu einem Deal zu überreden. Und ein Trick der funktioniert. MGM nimmt die „Velvets“ unter Vertrag.

„The Velvet Underground & Nico“ nehmen das erste, gleichnamige Album auf, das 1967 mit dem berühmten von Warhol gestalteten Bananen-Cover erscheint. Kommerziell kein Erfolg, aber aus heutiger Sicht ein kultureller Meilenstein.

Direkt nach Veröffentlichung der Platte erlischt allerdings das Interesse Andy Warhols an „seiner“ Band. Die Wege trennen sich und „The Velvet Underground“ konzentrieren sich, inzwischen wieder ohne Nico, weiterhin voll auf ihre Musik.

1990, 3 Jahre nach Andy Warhols Tod, bedanken sich Lou Reed und John Cale mit dem Album „Songs for Drella“ bei ihrem ehemaligen Mentor. Die Songs beschreiben Begebenheiten aus dem Leben Warhols, der von einem seiner „Superstars“, Ondine, „Drella“ getauft wurde. Eine Zusammensetzung aus „Dracula“ und „Cinderella“.

Der Song „Starlight“ z.B. erzählt von Warhols Zeit als experimenteller Filmemacher:

Auch wenn Warhol und „The Velvet Underground“ nur etwa 1 Jahr zusammenarbeiteten, hat diese Kooperation einen großen Einfluss auf die Verortung der Band in der Musikgeschichte. Und die Band, insbesondere Lou Reed, ist ihm dankbar dafür:

Wer „The Velvet Underground“ noch einmal in der Warhol-Zeit erleben möchte, sollte sich den ca. 70minütigen Film

„The Velvet Underground And Nico (A Symphony of Sound)“

ansehen. Das 16mm schwarz-weiß Werk zeigt eine Probe aus dem Jahre 1966, die schließlich von der Polizei abgebrochen wird. Ein herrliches Stück musikalischer Zeitgeschichte!

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Leave me alone – The Velvet Underground ohne John Cale

Nach der Trennung von Andy Warhol machen sich die „Velvets“ mit Eifer an die Arbeit für das neue Album „White Light / White Heat“. Die Musik soll noch experimenteller werden als beim Vorgänger. John Cale treibt die künstlerische Soundgestaltung der Band voran. Lou Reed möchte lieber eingängige Songs spielen. Schon während der Produktionszeit kommt es zu Streitigkeiten. Nach Erscheinen des Albums 1968 verlässt Cale die Band und widmet sich seiner Solokarriere.

„The Velvet Underground“ haben einen kreativen Kopf verloren. Die musikalische Ausrichtung ist jetzt komplett auf Lou abgestimmt. Im 3. Album, konsequent betitelt mit „The Velvet Underground“, ist der Wandel deutlich zu hören.

Die Songs sind gefälliger, weniger experimentell. Reed konzentriert sich in erster Linie auf die Lyrics und den Kritikern gefällt’s. Lester Bangs schreibt über das Album:

Can this be that same bunch of junkie — faggot — sadomasochist — speed — freaks who roared their anger and their pain in storms of screaming feedback and words spat out like strings of epithets? Yes. Yes, it can, and this is perhaps the most important lesson the Velvet Underground: the power of the human soul to transcend its darker levels.

An einem Prinzip hält er allerdings fest, verewigt in einem der berühmtesten Lou Reed-Zitate:

One chord is fine. Two chords are pushing it. Three chords and you’re into jazz.

Doch das Konzept „The Velvet Underground“ bröckelt. 1970 erscheint das 4. und letzte gemeinsame Album mit Lou Reed, „Loaded“, bei Atlantic Records. Noch während der Produktionszeit verlässt der Sänger die Band, um sich auf Solopfade zu begeben.

Ironischerweise wird „Loaded“ der größte kommerzielle Erfolg von „The Velvet Underground“. Doch ohne Cale und Reed hat der Rest der Band keine Zukunft. Nach einem letzten, erfolglosen Album trennen sich 1973 die Wege der restlichen Mitglieder.

Erst 1993 findet eine kurze Reunion statt. Ein Studioalbum erscheint allerdings nie wieder. Sämtliche Platten, die nach 1973 veröffentlicht werden, enthalten Aufnahmen der „goldenen Ära“ der Band.

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I’m so free – Lou Reed Solo

Erst solo startet Lou Reed eine weltweite Karriere. In den 70er Jahren veröffentlicht er jährlich, manchmal auch zweimal im Jahr, ein Album.

Während seine erste Platte „Lou Reed“ noch wenig beachtet und von Kritikern geschmäht wird, schlägt sein 2. Album 1972 ein wie eine Bombe. Für „Transformer“ arbeitet Reed mit David Bowie und Mick Ronson zusammen. Eine äußerst produktive Kooperation. „Transformer“ wird zum kommerziell erfolgreichsten Album des Künstlers. Zudem schreibt er mit den enthaltenen Songs „Walk on the wild side“ und „Perfect Day“ Musikgeschichte.

Plötzlich wandelt sich das Image des düsteren Psychopathen, das ihn jahrelang umgibt. Reed wird zum, wenn auch dunklen, Glam Rock-Star. Der Einfluss von Bowie ist klar zu spüren.

Der Image-Wechsel macht ihn auch solo zur Kultfigur. Sein Outfit und Make-up inspirieren unter anderem den Schauspieler Tim Curry für seine Rolle als Dr. Frank N. Furter in der „Rocky Horror Show“.

Doch das Glam Rock-Image langweilt Reed schnell. 1973 veröffentlicht er das stilistisch vollkommen konträre Album „Berlin“, das bis heute als eines der depressivsten Alben der Musikgeschichte gilt.

Als Konzeptalbum angelegt, erzählt Reed die Geschichte eines drogenabhängigen Paares in Berlin. Klanglich ungewohnt ruhig, textlich gewalttätig und verstörend wie immer.

Zur Entstehung von „Berlin“ sagt Lou:

Ich dachte an Christopher Isherwood, der in seinen Romanen die 1920er Jahre beschrieben hat, an den Schauspieler Peter Lorre, den Regisseur und Schauspieler Erich von Stroheim oder an Marlene Dietrich.

Auch Anklänge an den Film „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) von Friedrich W. Murnau und die Dreigroschenoper von Kurt Weill und Bertolt Brecht, die 1928 uraufgeführt wurde, sind zu finden. Persönlich hat Reed zu diesem Zeitpunkt die geteilte Metropole noch nicht besucht.

Eine weitere Zäsur folg 1975: Das Album „Metal Machine Music“ ist eine Inszenierung ohrenbetäubenden Lärms und langer Rückkopplungen.

Ein unhörbares Werk, mit dem er der kommerziellen Plattenindustrie den Rücken zuwendet. Die Kritiken sind verheerend. Der Journalist James Wolcott schreibt:

Lou Reed’s new set, a two-record electronic composition, is an act of provocation, a jab of contempt, but the timing is all wrong. In its droning, shapeless indifference, Metal Machine Music is hopelessly old-fashioned.

Vielleicht ein Höhepunkt seiner Experimentierfreudigkeit, musikalisch kann „Metal Machine Music“ aber beruhigt zum alten Eisen gelegt werden. Allerdings hat das Album großen Einfluss auf die Entwicklung des Noise Rock.

Nach „Metal Machine Music“, das ihn von seinem Major-Label und seinem Produzenten befreien sollte, veröffentlicht Reed zwar regelmäßig Alben, diese sind aber wenig erwähnenswert, weder musikalisch noch kommerziell. Gründe werden in den starken Einschränkungen seitens seiner Plattenfirma und Lou Reeds Drogensucht vermutet.

Wirklich interessant wird seine kreative Arbeit erst wieder mit dem Album „New York“ (1988), das bis heute als eines seiner besten gefeiert wird. Das „Wild Child“ ist ruhiger und abgeklärter geworden, hat den Drogen entsagt und zum zweiten Mal geheiratet. Diese Entwicklung hört man auch bei „New York“.

Seine Themen haben sich geändert. Jetzt singt er über Umweltverschmutzung und soziale Ungerechtigkeit, doch immer noch mit der gleichen Wut, mit der er früher Drogen, Sex und Gewalt besang.

Nach dem großen Erfolg mit „New York“ wird es wieder ruhig um den „Meister“. Die kurze Wiedervereinigung mit John Cale für das Album „Songs for Drella“ und später „The Velvet Underground“ werden zwar von den Fans begeistert aufgenommen, lassen aber alte Konflikte wieder aufleben.

Erwähnenswert sind nur noch wenige Werke Reeds. Das 1992 erschienene Album „Magic and Loss“ beschäftigt sich intensiv mit dem Tod. Und auch „The Raven“ von 2003, eine Vertonung der düsteren Lyrik von Edgar Allan Poe, ist von einer depressiven Stimmung geprägt.

Den größten Bekanntheitsgrad erlangt Reed allerdings mit einer „Cover-Version“ eines seiner eigenen Songs: „Perfect Day“ wird 1997 zusammen mit über 30 Musikern für die BBC-Stiftung „Children in Need“ aufgenommen. Der Song wird ein Hit und Lou Reed endgültig „unsterblich“.

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Adventurer – Lou Reeds Kooperationen

Trotz seines ihm nachgesagten schwierigen Charakters ist Lou Reed als Kooperationspartner beliebt. Nicht nur als Musiklegende, sondern auch als kreative Inspiration. Er unterstützt in den letzten 15 Jahren seines Lebens viele Bands, die sich an „The Velvet Underground“ und Reed orientieren.

Er nimmt z.B. Songs mit

  • Kashmir,
  • The Killers,
  • Metric und
  • The Gorillaz

auf.

The Killers feat. Lou Reed – Tranquilize

Metric feat. Lou Reed – Wanderlust

Gorillaz feat. Lou Reed – Some Kind Of Nature

Eine eher gewöhnungsbedürftige Paarung ergibt das Duett mit Luciano Pavarotti:

Künstlerisch arbeitet er aber nicht nur mit Musikern zusammen. Er kooperiert mehrmals mit dem Regisseur Robert Wilson:

  • 1996: „Time Rocker“ (Thalia Theater Hamburg)
  • 2000: „POEtry“ (Thalia Theater Hamburg)
  • 2011: „Lulu“ von Frank Wedekind (Berliner Ensemble)

Sowohl „POEtry“ als auch „Lulu“ inspirieren Reed zu neuen Alben.

2003 erscheint „The Raven“ mit Gedichten Edgar Allan Poes und mit der Unterstützung von Künstlern wie

  • David Bowie,
  • Laurie Anderson,
  • Ornette Coleman,
  • Julian Schnabel,
  • Willem Dafoe und
  • Antony

2011 veröffentlicht Reed sein letztes Album „Lulu“ in Zusammenarbeit mit „Metallica“. Die Aufnahme wird von der Kritik gnadenlos verrissen.

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Good Taste – Die vollständige Discography von Lou Reed

Lou Reed gilt nicht nur als Musiklegende, sondern auch als äußerst produktiv. Allein zwischen 1970 und 1980 bringt er 12 Alben heraus. Heutzutage kaum noch vorstellbar. Zur damaligen Zeit ist es aber normal in kurzer Zeit viele Platten zu veröffentlichen. Z.B. bringt David Bowie im gleichen Zeitraum ebenfalls 12 Alben heraus. Iggy Pop 7, Mainstreamstars wie „Queen“ oder „Genesis“ 10 bzw. 9.

Folgende Studioalben veröffentlicht Lou Reed solo oder mit „The Velvet Underground“, sowie in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, im Laufe seiner Karriere:

  • The Velvet Underground & Nico (1967) (mit The Velvet Underground)
  • White Light / White Heat (1968) (mit The Velvet Underground)
  • The Velvet Underground (1969) (mit The Velvet Underground)
  • Loaded (1970) (mit The Velvet Underground)
  • Lou Reed (1972)
  • Transformer (1972)
  • Berlin (1973)
  • Rock’n’Roll Animal (1974)
  • Sally Can’t Dance (1974)
  • Metal Machine Music (1975)
  • Coney Island Baby (1975)
  • Rock And Roll Heart (1976)
  • Street Hassle (1978)
  • The Bells (1979)
  • Growing Up In Public (1980)
  • The Blue Mask (1982)
  • Legendary Hearts (1983)
  • New Sensations (1984)
  • Mistrial (1986)
  • New York (1988)
  • Songs for Drella (1990) (mit John Cale)
  • Magic And Loss (1992)
  • Set The Twilight Reeling (1996)
  • Ecstasy (2000)
  • The Raven (2003)
  • Hudson River Wind Meditations (2007)
  • Lulu (2011) (mit Metallica)

Außerdem erscheinen zwei Compilations:

  • Wild Child – Best 1972–1986 (1993)
  • NYC Man: The Ultimate Collection 1967–2003 (2003)

Zudem werden zahlreiche offizielle und inoffizielle Live-Alben, sowohl von „The Velvet Underground“ als auch von Lou Reed Solo, veröffentlicht.

Der Vorteil für Fans, viele neue Songs, ist allerdings in anderer Hinsicht ein Nachteil und bei Reed deutlich zu erkennen: Nur relativ wenige Platten des Musikers sind musikalische „Glanzstücke“.

Wir persönlich empfehlen Ihnen:

  • The Velvet Underground,
  • Transformer,
  • Berlin,
  • The Blue Mask und
  • New York.

Wer nicht zu den „Hardcore“-Fans Lou Reeds gehört, sollte sich unserer Meinung nach folgende Alben getrost sparen:

  • Metal Machine Music,
  • Growing Up in Public,
  • Mistrial und
  • Lulu

Wahrscheinlich hätte der „Meister“ besser daran getan, nur wenige Alben zu veröffentlichen, dafür aber echte „Meister“-Werke.

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Claim to fame – Die Top 10 Lou Reed Songs

Lou Reed schreibt in seiner Karriere hunderte von Songs. Die Top 10 zu bestimmen, ist schwer. Viele Fans lieben seine Zeit als Kopf von „The Velvet Underground“, andere zählen seine Glam Rock-Alben zu seinen besten. Wieder andere bevorzugen den „Berlin“-Reed mit depressiven Klängen und Sounds.

Eine Top 10-Liste kann daher immer nur subjektiv sein. Hier unsere absoluten Lieblingssongs von Lou Reed:

10. Heroin (The Velvet Underground & Nico, 1967)

09. Caroline Says (II) (Berlin, 1973)

08. Satellite of Love (Transformer, 1972)

07. Sweet Jane (Loaded (The Velvet Underground), 1970)

06. I’m waiting for the man (The Velvet Underground & Nico, 1967)

05. Coney Island Baby (Coney Island Baby, 1975)

04. Street Hassle (Street Hassle, 1978)

03. Dirty Blvd. (New York, 1988)

02. Walk on the wild side (Transformer, 1972)

01. Perfect day (Transformer, 1972)

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New sensations – Lou Reed: Mehr als ein Musiker

Lou Reed tritt im Laufe seiner Karriere aber nicht nur als Musiker in Erscheinung. Seine Affinität zur Kunst im Allgemeinen führt ihn auch auf andere Wege.

Als Fotograf bringt er 2 Bildbände über „seine“ Stadt New York heraus. Seine Bilder werden unter anderem auch in Deutschland, in einer Galerie in Frankfurt, ausgestellt. Über seine fotografischen Arbeiten sagt ein Freund:

In seinen Fotos erfährt Lou Reeds textliche Lyrik eine Fortsetzung im visuellen Medium der Fotografie.

Auch als Regisseur versucht er sich in der Dokumentation „Red Shirley“, einem Interview mit seiner 100.jährigen Cousine. Ein sehr schöner, sensibel inszenierter Kurzfilm.

Reeds Leidenschaft für Filme zeigt sich allein schon in den zahlreichen Songs, die er zu Soundtracks beisteuert. Zu den bekanntesten Filmen gehören unter anderem

  • The Doors (Venus in Furs / Heroin)
  • In weiter Ferne, so nah! (Berlin / Why can’t I be good)
  • Natural Born Killer (Sweet Jane)
  • Blue in the face (Egg cream)
  • Trainspotting (Perfect day)
  • Lost Highway (This magic moment)
  • Velvet goldmine (Satellite of love)
  • High Fidelity (Who Loves The Sun / Oh! Sweet Nuthin)
  • Almost famous (I’m waiting for the man)
  • The Royal Tenenbaums (Stefanie said)
  • Laurel Canyon (Oscar Brown)

und viele mehr. Oft spielt er auch selbst mit, meistens als „er selbst“, z.B. in „Palermo Shooting“ (2008), einem Roadmovie von Wim Wenders, in der Hauptrolle Campino von den „Toten Hosen“.

Hier ein Ausschnitt (Reed erscheint ab Min. 3:43):

Wenders schätzt Reed als Cameo-Star, auch in

  • „In weiter Ferne, so nah“ (1993) und
  • „The Soul of a Man“ (2003)

hat er kurze Auftritte.

In „Blue in the Face“ (1995) spielt er ebenfalls seine beste Rolle: Lou Reed.

Sehenswert ist auch die mit einem Grammy ausgezeichnete Dokumentation „Lou Reed: Rock and Roll Heart“ von Timothy Greenfield-Sanders.

Erstaunlich ist, dass Reed, trotz seiner Leidenschaft für Literatur, nie ein Buch geschrieben hat. Seine schriftlichen Meisterwerke finden sich in seinen Texten, die lyrischen Gedichten gleichen.

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NYC Man – Lou Reed verlässt die Bühne

Lou Reed ist tot. Und mit ihm das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Besonders New York City trauert um einen seiner bedeutendsten Künstler. „New York hat eines seiner größten Geschenke verloren.“ schreibt Russel Simmons , Hip-Hop Produzent, auf seinem Twitter-Account.

Sein Tod, von vielen schon in den 70er Jahren beschworen, kommt überraschend. Nach einer Lebertransplantation scheint sich Reed schnell zu erholen. Kurz nach der OP schreibt er:

I am a triumph of modern medicine, physics and chemistry. I am bigger and stronger than ever. […]

Doch seine langjährige Lebensgefährtin und Ehefrau seit 2008 Laurie Anderson wird schon damals von Vorahnungen begleitet:

[…] I don’t think Lou will ever fully discover. […]

Sie hatte Recht. Am 27.10.2013 stirbt Lou Reed.

Mit ihm geht einer der einflussreichsten, wenn auch einer der umstrittensten Künstler der Musikgeschichte. Eines ist aber sicher: Sein Einfluss wird bestehen bleiben und in seinen Songs wird er unsterblich sein.

That’s the story of his life!

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